ADHS verstehen: 6 biologische Faktoren, die oft übersehen werden

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) wird in der Medizin häufig als Störung der Neurotransmitter beschrieben. Besonders im Fokus stehen dabei Dopamin und Noradrenalin. Entsprechend basiert die klassische Behandlung oft auf Medikamenten wie Methylphenidat. Doch das menschliche Gehirn ist nicht nur ein neurochemisches System. Es ist gleichzeitig ein hochaktives Stoffwechselorgan, das rund 20 % der gesamten Körperenergie verbraucht. Damit Nervenzellen zuverlässig arbeiten können, benötigen sie eine stabile Energieversorgung, funktionierende Zellmembranen sowie eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen.

ADHS verstehen: 6 biologische Faktoren, die oft übersehen werden

ADHS wird häufig als Störung von Neurotransmittern wie Dopamin beschrieben. Doch zunehmend rücken auch biologische Faktoren des Stoffwechsels in den Blick, die die Funktion des Nervensystems beeinflussen können.

Als Heilpraktiker in Berlin beschäftige ich mich in meiner Praxis häufig mit ganzheitlichen Ansätzen bei ADHS und der Frage, welche Rolle Ernährung, Mikronährstoffe und Stoffwechselprozesse für Konzentration und Gehirnfunktion spielen können.

ADHS ist eine komplexe Störung des Nervensystems, bei der neben Neurotransmittern auch Faktoren wie Zellenergie, Mikronährstoffe, Blutzuckerregulation, Schlaf und Lebensstil eine Rolle spielen können.

Im Folgenden stelle ich sechs Faktoren vor, die bei ADHS häufig zu wenig beachtet werden.



1. Zellenergie und Vitamin B3

Das Gehirn gehört zu den energieintensivsten Organen unseres Körpers. Obwohl es nur etwa zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht, benötigt es rund ein Fünftel der gesamten Energieproduktion.

Diese Energie wird in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen, erzeugt. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Coenzym NAD (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid). NAD ist notwendig, damit Mitochondrien aus Nährstoffen ATP produzieren können – also die eigentliche Energieform der Zelle.

Eine wichtige Vorstufe von NAD ist Vitamin B3, insbesondere in der Form Nicotinamid. Bereits in den 1940er-Jahren berichtete der amerikanische Arzt William Kaufman über Beobachtungen bei Patienten mit Unruhe und Konzentrationsproblemen, die hochdosiertes Niacinamid erhielten.

Heute wird in der Forschung auch über modernere NAD-Vorstufen wie Nicotinamid-Ribosid oder Nicotinamid-Mononukleotid diskutiert. Ob diese Stoffe einen direkten Einfluss auf ADHS-Symptome haben, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht. Dennoch zeigt die Forschung zunehmend, wie wichtig der Energiestoffwechsel für die Funktion von Nervenzellen ist.

Video zu ADHS & Vitamin B3

In diesem Video erkläre ich die mögliche Rolle von Vitamin B3 (Nicotinamid) und NAD im Energiestoffwechsel der Nervenzellen und warum diese Prozesse auch bei ADHS eine Rolle spielen könnten.


2. Omega-3-Fettsäuren und Nervenzellmembranen

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Gehirnfunktion sind Omega-3-Fettsäuren, insbesondere EPA und DHA. Diese Fettsäuren sind wesentliche Bestandteile der Zellmembranen von Nervenzellen.

Die Struktur der Zellmembran beeinflusst maßgeblich, wie gut Nervenzellen miteinander kommunizieren können. Omega-3-Fettsäuren tragen dazu bei, die Membranen flexibel zu halten und können damit die Signalübertragung zwischen Nervenzellen beeinflussen.

Darüber hinaus spielen sie eine Rolle bei entzündlichen Prozessen im Nervensystem sowie bei der Funktion bestimmter Rezeptoren, unter anderem im Dopaminstoffwechsel. Mehrere Studien zeigen, dass Kinder mit ADHS teilweise niedrigere Omega-3-Spiegel aufweisen als Vergleichsgruppen.

Eine ausreichende Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren kann daher ein sinnvoller Bestandteil einer ganzheitlichen Betrachtung der Gehirngesundheit sein.


3. Eisen und die Dopaminproduktion

Eisen wird häufig nur mit dem Sauerstofftransport im Blut in Verbindung gebracht. Tatsächlich erfüllt dieses Spurenelement jedoch auch wichtige Funktionen im Gehirn.

Mehrere Enzyme, die an der Synthese des Neurotransmitters Dopamin beteiligt sind, sind eisenabhängig. Ein niedriger Eisenstatus kann daher theoretisch auch die Dopaminproduktion beeinflussen.

Ein wichtiger Laborparameter ist der Ferritinwert, der die Eisenspeicher des Körpers widerspiegelt. Studien zeigen, dass Kinder mit ADHS im Durchschnitt häufiger niedrigere Ferritinwerte aufweisen.

Das bedeutet nicht, dass ADHS automatisch durch Eisenmangel verursacht wird. Es zeigt jedoch, wie eng Mikronährstoffe und Neurochemie des Gehirns miteinander verbunden sind.


4. Blutzucker und Gehirnenergie

Das Gehirn ist stark abhängig von einer kontinuierlichen Energieversorgung durch Glukose. Starke Schwankungen im Blutzuckerspiegel können deshalb unmittelbare Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Konzentration haben.

Nach stark zuckerhaltigen Mahlzeiten kommt es häufig zu einem schnellen Anstieg des Blutzuckerspiegels. Darauf folgt eine Insulinreaktion, die den Blutzucker wieder senkt. In manchen Fällen fällt der Blutzucker danach relativ schnell ab.

Dieser sogenannte Blutzuckerabfall kann sich unter anderem äußern durch:

  • Unruhe
  • Reizbarkeit
  • Konzentrationsprobleme
  • schnelle Ermüdung

Eine Ernährung mit mehr Protein, Ballaststoffen und komplexen Kohlenhydraten kann dazu beitragen, den Blutzuckerspiegel stabiler zu halten und damit auch die Energieversorgung des Gehirns gleichmäßiger zu gestalten.


5. Schlaf und neuronale Regeneration

Schlaf spielt eine zentrale Rolle für zahlreiche Prozesse im Gehirn. Während der Nacht werden neuronale Netzwerke reorganisiert, Stoffwechselprodukte abtransportiert und wichtige Neurotransmittersysteme reguliert.

Schon wenige Nächte mit schlechtem Schlaf können zu Symptomen führen, die ADHS sehr ähnlich sind, darunter verminderte Aufmerksamkeit, erhöhte Impulsivität und emotionale Instabilität.

Viele Menschen mit ADHS berichten gleichzeitig über:

  • Einschlafprobleme
  • verschobene Schlafrhythmen
  • unruhigen Schlaf
  • Tagesmüdigkeit

Ein stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus gehört deshalb zu den wichtigsten Grundlagen für eine gesunde Gehirnfunktion.


6. Blaulicht und Bildschirmzeit

Ein moderner Faktor, der Schlaf und Konzentration beeinflussen kann, ist die zunehmende Bildschirmnutzung. Smartphones, Tablets und Computer strahlen relativ viel kurzwelliges blaues Licht ab.

Dieses Licht kann die Produktion des Schlafhormons Melatonin hemmen. Wenn abends lange auf Bildschirme geschaut wird, kann sich der natürliche Schlafrhythmus verschieben.

Mögliche Folgen sind:

  • späteres Einschlafen
  • geringere Schlafqualität
  • Tagesmüdigkeit
  • Konzentrationsprobleme

Sinnvolle Maßnahmen können sein:

  • weniger Bildschirmzeit am Abend
  • warmes Licht mit niedriger Kelvinzahl
  • Blaulichtfilter oder Blue-Light-Blockbrillen

Fazit: ADHS ganzheitlich verstehen

ADHS ist eine komplexe Diagnose, für die es bis heute keinen eindeutigen Labormarker gibt. Medikamente können für viele Betroffene hilfreich sein. Gleichzeitig lohnt sich in vielen Fällen auch ein Blick auf biologische und stoffwechselbezogene Faktoren, die die Funktion des Nervensystems beeinflussen können.

Dazu gehören unter anderem:

  • Zellenergie und Mitochondrien
  • Mikronährstoffe wie Eisen oder Vitamin B3
  • Omega-3-Fettsäuren
  • Blutzuckerregulation
  • Schlafqualität
  • Licht und Bildschirmnutzung

Eine ganzheitliche Betrachtung kann helfen, individuelle Ansatzpunkte für Therapie und Prävention von ADHS zu finden.


Häufige Fragen zu ADHS

Gibt es einen Labortest für ADHS?

Bis heute gibt es keinen eindeutigen Labortest, mit dem ADHS sicher diagnostiziert werden kann. Die Diagnose erfolgt in der Regel anhand von Verhaltensbeobachtungen, standardisierten Fragebögen und klinischen Kriterien. Dennoch können Laboruntersuchungen sinnvoll sein, um mögliche biologische Einflussfaktoren wie Mikronährstoffmängel oder Stoffwechselstörungen zu erkennen.

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Welche Rolle spielen Mikronährstoffe bei ADHS?

Mikronährstoffe sind wichtige Bausteine für viele Prozesse im Nervensystem. Einige Nährstoffe wie Eisen, Omega-3-Fettsäuren oder Vitamin B3 sind an der Energieproduktion der Nervenzellen oder an der Bildung von Neurotransmittern beteiligt. Ein Mangel kann die Funktion des Nervensystems beeinflussen und wird daher im Rahmen ganzheitlicher Ansätze gelegentlich mit betrachtet.

Kann Ernährung ADHS-Symptome beeinflussen?

Ernährung kann den Stoffwechsel, den Blutzuckerspiegel und Entzündungsprozesse im Körper beeinflussen. Starke Blutzuckerschwankungen oder eine unausgewogene Ernährung können sich auch auf Konzentration und Energielevel auswirken. Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Protein, Ballaststoffen, gesunden Fetten und Mikronährstoffen kann deshalb unterstützend wirken.

Welche Rolle spielt Schlaf bei ADHS?

Schlaf ist entscheidend für die Regeneration des Gehirns und die Stabilität von Aufmerksamkeit und Impulskontrolle. Schlafmangel kann Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit und innere Unruhe verstärken. Besonders bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS kann ein stabiler Schlafrhythmus daher eine wichtige Rolle spielen.

Kann Bildschirmzeit ADHS-Symptome verstärken?

Eine sehr hohe Bildschirmzeit kann die Reizverarbeitung im Gehirn beeinflussen und besonders abends den Schlafrhythmus stören. Vor allem blaues Licht von Smartphones, Tablets oder Computern kann die Melatoninproduktion hemmen und das Einschlafen erschweren. Deshalb kann es sinnvoll sein, Bildschirmzeit am Abend zu reduzieren.

Wann kann eine ganzheitliche Behandlung sinnvoll sein?

Wenn neben Konzentrationsproblemen auch Symptome wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder starke Blutzuckerschwankungen bestehen, kann eine ganzheitliche Behandlung hilfreich sein. Dabei werden neben den klassischen ADHS-Symptomen auch Lebensstil, Ernährung, Stoffwechsel und Mikronährstoffstatus berücksichtigt.


Ganzheitliche ADHS-Behandlung in meiner Praxis in Berlin

Wenn Sie unter Konzentrationsproblemen, innerer Unruhe oder mentaler Erschöpfung leiden, kann eine ganzheitliche medizinische Behandlung sinnvoll sein.

In meiner Praxis für funktionelle Medizin in Berlin-Schöneberg analysiere ich mögliche Einflussfaktoren wie:

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Quellen

Lange KW, Reichl S, Lange KM, Tucha L, Tucha O. (2010).
Nutrition in the management of ADHD: A review of recent research.
Nutrients.
Link zur Studie

Hunter C, Hunnicutt JN, et al. (2025).
The role of nutrition in children and adults with ADHD.
Frontiers in Nutrition.
Link zur Studie

Granero R, et al. (2021).
The role of iron and zinc in the treatment of ADHD.
Nutrients.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34836314/

Bloch MH, Qawasmi A. (2011).
Omega-3 fatty acid supplementation for the treatment of children with ADHD symptomatology: A systematic review and meta-analysis.
Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry.
Link zur Studie

Bild von Reinhard Clemens

Über den Autor

Reinhard Clemens

Reinhard Clemens ist Heilpraktiker für funktionelle Medizin in Berlin-Schöneberg und Gründer der RC Naturheilpraxis. In seiner Arbeit verbindet er moderne Labordiagnostik mit Mikronährstoffmedizin, Darmmedizin und mitochondrialer Medizin. Schwerpunkte seiner Praxis sind unter anderem: Funktionelle Darmdiagnostik und Reizdarmsyndrom, Mikronährstoffmedizin und orthomolekulare Therapie, mitochondriale Medizin und chronische Erschöpfung, individuelle Labordiagnostik zur Ursachenanalyse chronischer Beschwerden, ganzheitliche Betrachtung neurobiologischer Beschwerden, insbesondere ADHS. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Behandlung komplexer chronischer Beschwerden und legt besonderen Wert auf eine individuelle, ursachenorientierte Diagnostik. In seinen Artikeln erklärt er biochemische Zusammenhänge verständlich und zeigt ganzheitliche Therapieansätze aus der funktionellen Medizin.